Eine Abrüstungskonferenz mitten im Aufrüstungstrend

Nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor vier Monaten stehen die Zeichen auf atomare und konventionelle Aufrüstung. Insbesondere in Europa, USA , Russland und China. Das belegen die jährlichen Berichte des Stockholmer Internationalen Friedensforschungs-Instituts (SIPRI). Ganz gegen diesen Aufrüstungstrend stand während dreier Tage (21.-23. Juni 2020) in Wien die erste Konferenz von inzwischen 86 Unterzeichnerstaaten des UNO-Abkommens zum vollständigen, weltweiten Verbot atomarer Waffen (Treaty for the prohibition of nuclear weapons, TPNW).

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Charles Cunningham Boycott und die Macht der Verbraucher:innen

Bild: Gordon Johnson auf Pixabay

Zuerst einmal: Verbraucher:innen können nicht streiken. Sie könnten sich höchstens dagegen wehren, als solche tituliert und somit zu einer Schrumpfform menschlicher Existenz herabgewürdigt zu werden. Verbrauchen tun wir alle. Darin liegt die Albernheit der Beschreibung. Trotzdem ließe sich sagen, dass große Menschengruppen, die sich weigern, das eine oder andere auch fürderhin zu kaufen und zu verbrauchen, eine Art Streik durchführen. Im digitalen Zeitalter kann dies auch weitaus einfacher als früher zu einer machtvollen Ansage werden, die Unternehmen zwingt, Änderungen vorzunehmen, zum Beispiel im Umgang mit ihren Mitarbeitenden oder an der Produktpalette.

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Es braucht auch Streiks, damit Solidarität entsteht

Streik der Gorillas-Riders in Berlin im Juni 2021. Gorillas Operations Germany GmbH & Co KG ist ein 2020 in Berlin gegründeter Lieferdienst für Lebensmittel und andere Supermarktwaren in Großstädten. (Foto: FAU Berlin auf Wikimedia commons)

Als Dienstbotin uniformiert, wird selbst eine Staatsfeindin unsichtbar. In der Kleidung eines oder einer Lieferdienst-Kurierfahrer:in entkam Pussy-Riot Aktivistin Maria Aljochina Anfang Mai den Sicherheitskräften, die ihren Hausarrest in Moskau seit Monaten überwachen. Nun ist sie in Berlin. Eine jener Metropolen, wo die modernen Dienstbot:innen seit einiger Zeit ihre Unsichtbarkeit beenden. Die Arbeitskämpfe bei den Lebensmittel-und Mahlzeiten-Fahrdiensten – die Tierbezeichnungen als Unternehmensnamen besonders originell zu finden scheinen – sorgen für Unruhe. Im Management, weil das mit teuren Werbekampagnen gepflegte Unternehmensimage Schaden nimmt, Börsenkurse fallen und Investitionen, diese scheuen Rehe, anderswo getätigt werden.

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Kirche und Gewerkschaft: Möge die Macht mit uns sein  

Intromusik: terrasound.de

Wie die Macht schmeckt, hängt davon ab, ob man sie oben ausleben kann oder unten zu spüren bekommt. Gewerkschafts- und Kirchenführer stabilisieren die Macht des Kreml. Sie teilen Putins Glaubensbekenntnis, im ewigen Kampf des Guten gegen das Böse (seinen Mann) zu stehen. Für den Moskauer Patriarchen Kyrill I., der als fiktive Figur jeden Roman und jedes Filmformat sprengen würde, zeigt sich die Dekadenz des Westens in Schwulenparaden, gleichberechtigten Frauen und dem Internet, mit dem er den Antichristen heraufziehen sieht.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

Weitere Folgen von ‘Auch das noch!‘ zum Hören gibt es hier, wer nachlesen möchte, findet hier einen monatlichen Rückblick.

Atomare Propaganda 2022

Das Militärische und das Nukleare liegen näher beieinander, als man während eines halben Jahrhunderts ziviler Nutzung von Atomkraft in Deutschland geglaubt hat. Jetzt dient Putins Krieg gegen die Ukraine als Argument für ein Comeback der Atomenergie – und als Alibi, „das Undenkbare“ ins Gespräch zu bringen.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
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«Alles fällt auseinander. Wegen Putins Aggression!»

Kirill Buketow (Foto: Global Labour Institute)

Er ist Russe und arbeitet als Gewerkschafter in Genf. Nach dem Ende der Sowjetunion beteiligte sich Kirill Buketow (52) am Aufbau unabhängiger Gewerkschaften in Russland. Da war Aufbruchsstimmung und Hoffnung. Doch jetzt sagt er: «Alle zivilisatorischen Errungenschaften brechen zusammen.»
Jonas Komposch, Redakteur der Gewerkschaftszeitung work, sprach mit ihm. Das Interview erschien am 14. April in work, der Zeitung der (größten) Schweizer Gewerkschaft Unia.

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Von Diplomatie ist nicht mal mehr die Rede

Bild: Terranaut auf Pixabay

Eine diplomatisch ausgehandelte Beendigung des Krieges in der Ukraine, die einst möglich schien, rückt immer weiter in die Ferne. Im Gegenteil: Die Fronten verhärten sich weiter – aus mehreren Gründen. Der Krieg gegen die Ukraine lässt sich nur durch eine zwischen Moskau und Kyjiw ausgehandelte Vereinbarung beenden. So lautet seit über drei Monaten das übereinstimmende Postulat der meisten Politiker:innen, Medien und Konfliktforschenden. Jedoch sind die Perspektiven für solche Verhandlungen derzeit ausgesprochen düster.

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Ticket to Ride to the Strawberry Fields

Intromusik: terrasound.de

Lohnt sich Selbstpflücken? Das hängt vom Benzinpreis und von der Länge der Autofahrt zwischen Wohnung und Erdbeerfeld ab. Es sei denn, das Feld wurde in weiser Voraussicht in Bahnhofsnähe angelegt, dann kann der Erdbeerkuchen dank des 9 Euro Tickets zum Schnäppchen werden – falls die Bauern die Früchte nicht vorher vernichtet haben. Große Ölkonzerne machen das anders als kleine Erdbeerbauern, sie spielen „rockets and feathers“.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Die USA haben an raschem Kriegsende wenig Interesse: 10 Gründe

Screenshot: Jack Rasmus website

Zwei Wochen, bevor die russische Armee in die Ukraine einmarschierte, wies Jack Rasmus, Professor an der Santa Clara University und am Saint Mary’s College in Kalifornien, auf zehn Gründe hin, weshalb die USA an einem längeren Krieg in der Ukraine interessiert seien. Er veröffentlichte diese Liste von Vorteilen am 7. Februar 2022 in der «The World Financial Review» und in seinem Blog unter dem Titel «10 Reasons Why US May Want Russia to Invade Ukraine». Infosperber publizierte den Text Anfang Juni mit dem Einverständnis von Rasmus auf Deutsch. Wir dokumentieren ihn auf bruchstücke zusammen mit der Einleitung von Urs P. Gasche und stellen ihn in den Kontext der bruchstuecke-Beiträge „Ukraine, NATO, Neutralität oder Irrungen und Wirrungen des Klaus von DohnanyiSachdienliche Hinweise willkommen“ „Eskalationsspirale hin zum europäischen Flächenbrand?

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Moralische Abrüstung dringend empfohlen

Bei der Bewertung des Ukrainekrieges beobachte ich zwei Kategorienfehler.
Erstens wird ein zwischenstaatlicher Krieg mit den Kategorien einer innerstaatlichen Ordnung (Recht, Werte, Demokratie) gewertet. Die internationale Politik zeichnet sich aber gerade durch das Fehlen einer zentralen Autorität mit Gewaltmonopol aus. Das Anrufen von Normen und Idealen bleibt in einem anarchischem Raum aber ohnmächtig.
Zweitens ist das Hauptmotiv dieses Krieges die Weltordnung. Russland (und indirekt China) fordern die Pax Americana offen heraus und wollen eine neue Weltordnung. Gelingt es den USA nicht, ihre Hegemonie zu verteidigen, ist die Ordnung (die manche je nach Standpunkt “liberale Weltordnung” nennen, andere “amerikanisches Imperium”) der letzten 30 Jahre zu Ende. Damit endet aber nicht nur die Rolle der USA als Weltpolizist, sondern auch die völkerrechtlichen Normen, multilateralen Institutionen und universellen Werte stehen zur Disposition. Das Beharren auf diesen Prinzipien der liberalen Weltordnung verkennt, dass exakt darum gekämpft wird.

Aus diesen Kategorienfehlern entspringt die Gefahr, der Ukraine falsche Signale zu senden. Wenn sich Washington, Moskau und Peking auf einen geopolitisch tragfähigen Kompromiss einigen, endet die Unterstützung der Ukraine, egal wie sehr diese im Donbass und auf der Krim weiterkämpfen will. Missversteht die ukrainische Regierung diese Logik, wird sie das Schicksal der Kurden, Georgier und Afghanen erleiden. Daher empfiehlt sich dringend moralische Abrüstung in der Debatte.

Natur und Gesellschaft, Beute des Marktes

Bild: Mediamodifier auf Pixabay

Oder warum Klimadesaster und Politikversagen zwei Seiten des Marktfundamentalismus sind.
Wer Jugendliche nach ihren Zukunftsvorstellungen befragt, bekommt oft beunruhigende Antworten. In einer weltweiten Studie, die Mitte 2021 durchgeführt wurden, gaben 60 Prozent der 16- bis 25-Jährigen an, »sehr« oder »extrem« über die Klimaveränderung besorgt zu sein. 83 Prozent sagten, »people have failed to care for the planet«, und 75 Prozent bezeichneten die Zukunft als angsteinflößend (»future is frightening«). 39 Prozent erklärten sich als »hesitant to have children«. In armen Ländern ist die Zustimmung zu diesen Aussagen höher als in reichen. In einer aktuellen Studie bezeichnen 55 Prozent der Jugendlichen in Österreich den »Klimawandel« als ihr größtes Problem. Und sieben von zehn sind der Meinung, dass die Wirtschaft in Österreich »so manipuliert ist, dass die Reichen und Mächtigen davon profitieren«.

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OMG! Kauft, Leute, kauft

Intromusik: terrasound.de

Seit mit dem Internet aus dem Planeten ein einziger Marktplatz wurde, treibt das Marketing die seltsamsten Blüten. Die Politik macht sich Sorgen über Fakenews, Marketing hat nie etwas anderes verbreitet. Austin Li, Chinas „King of Lipstick“, probiert im Livestream Lippenstifte aus und appelliert “OMG! Sisters, buy this!“. Fünf Minuten später hat er 15.000 verkauft, heißt es. Er könne einen Umsatz von mehr als 140 Millionen Dollar machen. An einem Tag.

Geschrieben und gesprochen von Joe Kerr

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Das demoskopische Bild einer stark verunsicherten Gesellschaft

Quelle: WSI-Pressedienst

Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der stark gestiegenen Inflation machen sich mehr Erwerbspersonen in Deutschland große Sorgen um ihre eigene wirtschaftliche Situation als zu irgendeinem Zeitpunkt während der Corona-Krise. Aktuell empfindet rund ein Viertel aller Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden die eigene finanzielle Lage als „äußerst stark“ oder „stark“ belastend (24 Prozent) und hat große Sorgen um die eigene wirtschaftliche Zukunft (26 Prozent). Das zeigen neue Ergebnisse aus der repräsentativen Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung, für die regelmäßig ein Panel aus Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden befragt wird.

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Baustelle Putin II.

Bild: geralt auf Pixabay

Irgendwie naheliegend und verständlich, dass Stephan Grünewald, Markt- und Medienforschungs-Institut rheingold, mit seinen tiefenpsychologischen Interviews jetzt herausgefunden hat, dass viele Menschen versuchen, den Ukraine-Krieg zu verdrängen; und dass das sehr anstrengend sei, vermutlich so anstrengend wie diesen (auch aus der Ferne) zu ertragen. Damit machen die sogenannten normalen Menschen nichts anderes als Medien und Politik, die von den vielen laufenden Groß-Krisen (Klima, Flüchtlinge, Artenschwund, Hunger, Rechtspopulismus) immer eine lautstark ausrufen und mit der EINEN Krise alle anderen verdrängen. Und damit die Welt so zusammenhangslos darstellen, wie sie eben gerade nicht ist; ist die wahre Brisanz der einen Krise oft genug doch erst dann zu erkennen, wenn zugleich das Ganze im Blick ist.

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